3. Auseinandersetzung mit Digitalisierung – Warum?

Sie erinnern sich vielleicht noch an den AOL Werbespot mit Boris Becker aus dem Jahr 1999? Vielleicht erinnern Sie sich auch an die Massen an AOL-CDs, die es bspw. in Supermärkten oder (Computer-)Zeitschriften gab? Google war gerade vor einem Jahr gegründet worden, die Gründung von Facebook steht fünf Jahre später noch aus. YouTube war auch noch nicht erfunden und hätte auch aufgrund der niedrigen Datenübertragungsraten im Jahr 1999 keinen Erfolg gehabt.

Boris Becker sagt 1999: “Ehrlich, ich versteh‘ absolut null von Technik. Jetzt hat schon meine Frau gesagt, wir müssen endlich in’s Internet. Dabei bin ich doch gar kein Tekki. Bin ich da schon drin – oder was? Ich bin drin.” (Boris Becker in einer AOL Werbung, 1999)

Seit dem hat das Netz und die Digitalisierung allgemein eine rasante Entwicklung genommen. Neben all den Plattformen, Applikationen, Netzwerken, Diensten und Services (die heute nicht mehr wegzudenken sind), hat die Entwicklung auch massive gesellschaftliche wie global-wirtschaftliche Auswirkungen zur Folge gehabt. Die meisten davon assoziieren wir mit dem, womit wir täglich direkt Kontakt haben. Tatsächlich ist dies lediglich die Spitze eines Eisbergs. Wir alle spüren diese Auswirkungen: teilweise direkt und ganz greifbar z.B. mit unserem Alltagsbegleiter Smartphone, teilweise indirekt durch sich verändernde gesellschaftliche Realitäten.

Aber einiges ist auch so undurchsichtig, findet abgeschieden von der Öffentlichkeit im Verborgenen statt, dass hierüber kaum oder wenig Wissen in der Breite vorhanden ist. Wir kommen also gerade als “Professionelle” nicht umhin, uns mit der Digitalisierung in all ihren Facetten zu befassen und Verborgenes zu beleuchten sowie insbesondere diese bezogen auf die Soziale Arbeit hin zu reflektieren, auszuprobieren, umzusetzen und ihr bei berechtigter Kritik bzgl. mancher Arbeitsfelder ggf. auch Einhalt zu gebieten.

All das erfordert jedoch die konkrete Auseinandersetzung mit den sich vollziehenden Veränderungen. Warum und wozu es notwendig ist, wollen wir im Folgenden – nicht abschließend – anhand der beiden Punkte “Sprachfähigkeit” sowie “Veränderung der Arbeitswelt” darlegen.

Hier sind Sie als Leser*in gefragt:

Welche Aspekte sind aus Ihrer Sicht noch wesentlich, um das Warum und Wozu einer Auseinandersetzung mit der Digitalisierung fachspezifisch zu begründen?

Sprachfähigkeit

Um bzgl. der “Digitalisierung” eine gewisse Sprachfähigkeit entwickeln zu können, bedarf es einer dezidierten Auseinandersetzung mit ebendieser – sowohl theoretisch als auch ganz praktisch. Denn nur auf dieser Grundlage lassen sich zum Beispiel Entscheidungen überhaupt erst (gemeinsam) treffen, nachvollziehen und vor allem davon betroffenen Menschen transparent vermitteln. Darüber hinaus sind wir aufgrund unseres professionellen Selbstverständnisses insofern angehalten sprachfähig zu sein, da nur so die eigene fachliche Positionierung begründet werden kann – hier sind sowohl befürwortende als auch ablehnende Positionen betroffen.

Veränderung der Arbeitswelt

Deutschland geht es super! Die Arbeitslosenzahlen liegen so niedrig wie (fast) nie, Vollbeschäftigung. Die Steuereinnahmen sind hoch. Warum, bitteschön, sollte also die Veränderung der Arbeitswelt ein Grund für die Menschen und Organisationen in der Sozialwirtschaft sein, sich mit der Digitalisierung zu befassen?

Hierzu ist die schon in der Einleitung angesprochene Zweiteilung in “Warum” und “Wozu” zu betrachten:

a) Warum?

Der Blick auf die Arbeit insgesamt und damit auch auf die Arbeit in sozialen Organisationen zeigt, dass diese verschiedenen Wandlungsaspekten unterlag, die dahin geführt haben, wie wir jetzt arbeiten.

Konkret: Nach der Industriellen Revolution, Webstuhl und Dampfmaschine über die Fließbandproduktion bis hin zur Elektrifizierung und den ersten kommerziellen Computern (in den 1950er Jahren, übrigens) hat die Digitalisierung seit Becker (s.o., 1999) dazu geführt, dass auch in sozialen Organisationen die E-Mail-Kommunikation nicht mehr wegzudenken ist. Sie hat dazu geführt, dass die Recherche im Netz auch für soziale Organisationen selbstverständlich geworden ist. Sie hat dazu geführt, dass eine eigene Branche entstanden ist, die Software ausschließlich für soziale Organisationen erstellt. Die Digitalisierung hat dazu geführt, dass Kommunikation mit Klientinnen ebenso wie mit anderen Stakeholdern über Messenger und Netzwerke wie Facebook, Twitter und Co. geführt wird. Die Digitalisierung vernetzt die Computer der Mitarbeiterinnen in den Organisationen. Die Digitalisierung ermöglicht den zunehmend sinnvollen Einsatz assistiver Technologien für Menschen mit Beeinträchtigungen. Usw.

Hier lassen sich viele weitere Beispiele aufzeigen, wie durch technologische Veränderungen Veränderungen auch in der Art, wie wir in und zwischen sozialen Organisationen zusammenarbeiten, stattgefunden haben. Ferner wird deutlich, dass diese Veränderungen nicht von heute auf morgen stattgefunden haben. Oder mit anderen Worten:

Wir befinden uns – auch in der Sozialen Arbeit – mitten in der Digitalisierung! Das ist nicht mehr zu diskutieren, auch wenn es immer mal wieder betont werden muss:

» Digitalisierung passiert nicht plötzlich, nicht unerwartet, nicht wie eine Naturkatastrophe. «

b) Wozu?

Gleichzeitig – und damit sind wir beim Blick in die Zukunft – geht “Digitalisierung” auch nicht wieder weg wie ein leichter Schnupfen. Digitalisierung verändert vielmehr stetig und nachhaltig die Art, wie wir leben und damit auch arbeiten (gesetzt den Fall, dass Arbeits- auch Lebenszeit ist). Digitalisierung erwächst auch nicht aus irgendeinem “Nirwana”, sondern wird durch Menschen gestaltet. Computer werden von Menschen gebaut genauso wie Software (noch) von Menschen geschrieben wird.

Entsprechend ist – auch schon oft und in allen Facetten bemüht – der Mensch der wesentliche Faktor in der Frage, wie wir die Digitalisierung in Zukunft gestalten wollen. Und der Mensch steht im Leitbild fast aller insbesondere sozialer Organisationen im Mittelpunkt. Mittel. Punkt! Humanressource! Oder so ähnlich, oder?

Hier fängt es an zu holpern: So zeigt der Blick auf die Arbeit in sozialen Organisationen, dass die Menschen oftmals – bewusst oder unbewusst, aufgrund von schlechter Führung, aufgrund von angeblichen Sachzwängen, fehlenden finanziellen Ressourcen, überbordenender Bürokratie uvm. – maximal als Mittel betrachtet werden, um “den Laden am Laufen zu halten”. Für die Beschäftigung mit der Digitalisierung lassen sich diesbezüglich zwei Sichtweisen einnehmen:

Negativ wäre denkbar, dass die Überwachung, das “Controlling” verstanden als Kontrolle der Mitarbeiter*innen durch digitale Möglichkeiten zunehmen, um durch ein “mehr Desgleichen” zu versuchen, die Organisationen am Laufen zu halten. Mehr Kontrolle, mehr Dokumentation, mehr Prozesse, mehr Regelungen, mehr Klicks zur Bestätigung, dass ich diese und jene Bedingung gelesen habe! Tendenzen dazu sind leider erkennbar.

Positiv gedeutet ergibt sich durch digitale Tools hingegen die Option, zurück “zum Kern” Sozialer Arbeit zu gelangen. So sorgen Struktur und Organisation unbestreitbar für Transparenz und Nachvollziehbarkeit (nicht zuletzt für die Klientinnen, aber auch für die Kostenträger sowie die Mitarbeiterinnen). Auch ist Dokumentation notwendig, um einerseits gegenüber Kostenträgern die Arbeitsinhalte nachzuweisen, andererseits aber auch, – wie Andrea Josefi passend schreibt – um sozialpolitisch tätig zu werden. Aber die Zielsetzungen Sozialer Arbeit kann nicht auf die Erfüllung bürokratischer Vorgaben, sondern muss auf die Lösung sozialer Probleme und damit den Nutzen für die Klient*innen sowie die Gesellschaft ausgerichtet sein. Diese Zielsetzung muss immer VOR der Dokumentation, dem Controlling, der Struktur und bürokratischen Organisation stehen. Und dazu kann Digitalisierung positiv beitragen, wenn digitalisierbare Arbeiten sinnvoll durch digitale Technologien übernommen werden. Wenn das Ausfüllen und die Auswertung des Beobachtungsbogens in der Kita digital schneller geht, bleibt mehr Zeit für die Begleitung des Kindes. Berichte kann man auch in stationären Settings – einen entsprechenden Datenschutz vorausgesetzt – remote (also von überall aus) verfassen, wodurch sich flexible Möglichkeiten der Arbeitsplatz- und -zeitgestaltung und sich damit einfach und ohne große Kosten Attraktivitätssteigerungen als Arbeitgeber ergeben.

Und nur ein wenig in die Zukunft gedacht ermöglicht die sehr genaue Analyse von bspw. Missbrauchswahrscheinlichkeiten in der Kinder- und Jugendhilfe bessere “Diagnosen”, wodurch sich natürlich neue Herausforderungen für die Profession und die Disziplin, aber ebenso neue Chancen ergeben können. Über den Einsatz virtueller Realitäten in der sozialen Arbeit lässt sich bislang eher spekulieren, aber der Einsatz der Blockchain für soziale Zwecke ist und wird zunehmend Realität.
Und noch ein wenig weiter ergeben sich durch die Möglichkeit, dass sich durch die Digitalisierung Tätigkeiten und damit ggf. ganze Berufsgruppen ändern neue Arbeitsfelder für Sozialarbeitende, die dann zunehmend als “Potentialentfalter” agieren müssen.

Daraus ergibt sich, dass wir aus Perspektive der Sozialen Arbeit zwei Möglichkeiten haben:

Option 1 sähe so aus, dass wir uns mit großen Augen von den Verheißungen der digitalen Technik abhängig machen, den Jungs im Silicon Valley (es sind vornehmlich Männer) beim Coden zuschauen und uns früher oder später in Arbeits- und Organisationsstrukturen wiederfinden, die von Steuerung und externer Kontrolle geprägt sind.


Option 2, wir nehmen die Herausforderung “Neuland” 🙈 an, trauen uns wie Boris “Bobbele” Becker ins Internet, lernen tagtäglich dazu (ein ganz eigenes Thema, übrigens) und gestalten dadurch mit, wie wir – auch in Sozialen Organisationen – digital und analog arbeiten und damit leben wollen.

Quelle: https://giphy.com/gifs/trump-merkel-chancellor-bWnSN6hm6twTS/media

Nur zur Erinnerung:

Wir haben über Fragen des Internets gesprochen, die im Zusammenhang mit dem Thema des PRISM-Programms aufgekommen sind. Wir haben hier sehr ausführlich über die neuen Möglichkeiten und die neuen Gefährdungen gesprochen. Das Internet ist für uns alle Neuland, und es ermöglicht natürlich auch Feinden und Gegnern unserer demokratischen Grundordnung, mit völlig neuen Möglichkeiten und völlig neuen Herangehensweisen unsere Art zu leben in Gefahr zu bringen. Deshalb schätzen wir die Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten von Amerika in den Fragen der Sicherheit.”

Angela Merkel auf einer Pressekonferenz mit dem damalig amtierenden US-Präsident Barack Obama am 19. Juni 2013 – heute wissen wir, dass sie damals – bei aller berechtigten Kritik – nicht Unrecht hatte!

Uns persönlich gefällt Option 2 besser. Dazu abschließend noch ein Zitat von Prof. Dr. Ruth Hagengruber von der Uni Paderborn:

„Die Zukunft der Menschen wird von dem Umstand bestimmt werden, welchen Zweck wir den Maschinen geben. Es sind diese Herausforderungen, mit denen wir Gutes oder Schlechtes bewirken können. Um sie zu meistern, werden wir in bislang unvorhergesehener Weise in Bildung und Kreativität investieren müssen, um unsere Zukunft für den Menschen lebenswert zu gestalten. Dies wird die Zukunft der Arbeit sein und sie wird täglich wichtiger.“

https://www.wissenschaftsjahr.de/2018/neues-aus-den-arbeitswelten/das-sagt-die-wissenschaft/mensch-maschine-musse-ueber-arbeit-im-digitalen-zeitalter/
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2. Digitaliwas? Definitionsangebote

Vielleicht kommt Ihnen das bekannt vor? Gefühlt jede*r spricht derzeit von der “Digitalisierung” - entweder wie wichtig, disruptiv oder bedrohlich diese sei. In “die Digitalisierung” wird viel Hoffnung gelegt oder Schreckensszenarien aufgezogen und manchmal passiert sogar beides gleichzeitig. Keine Meinung zu dem Thema zu haben ist schon fast verdächtig, eine nüchterne Betrachtungsweise die Seltenheit.

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3. Auseinandersetzung mit Digitalisierung - Warum?

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Sprachfähigkeit

Um bzgl. der “Digitalisierung” eine gewisse Sprachfähigkeit entwickeln zu können, bedarf es einer dezidierten Auseinandersetzung mit ebendieser - sowohl theoretisch als auch ganz praktisch. Denn nur auf dieser Grundlage lassen sich zum Beispiel Entscheidungen überhaupt erst (gemeinsam) treffen, nachvollziehen und vor allem davon betroffenen Menschen transparent vermitteln. Darüber hinaus sind wir aufgrund unseres professionellen Selbstverständnisses insofern angehalten sprachfähig zu sein, da nur so die eigene fachliche Positionierung begründet werden kann - hier sind sowohl befürwortende als auch ablehnende Positionen betroffen.

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a) Warum?

b) Wozu?

 

 

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4. Kommunikations-  & Informationsmöglichkeiten für die Soziale Arbeit

Ausgemachtes Ziel dieser Handreichung ist es insbesondere die Chancen und Möglichkeiten der Digitalisierung in den Blick zu nehmen. Im vorherigen Punkt “Worüber reden wir bei ‘Digitalisierung’” beschrieben wir die Mehrdeutigkeit des Begriffs. Die Komplexität wird erneut deutlich, wenn wir folgende Grafik “Kommunikations- & Informationsmöglichkeiten für die Soziale Arbeit” genauer betrachten.

 

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6. Blick in die Glaskugel oder: Wünsche der Autoren

1. Digitale Kompetenzen in Studium und Ausbildung integrieren

2. Soziale Organisationen zukunftsfähig gestalten

3. Räume des Austauschs und der Zusammenarbeit schaffen

4. Digitalisierung geschieht nicht um der Digitalisierungs Willen

5. Fehlerfreundlichkeit zulassen

6. Eigene Gehversuche wagen

7. Männerüberschuss beenden

8. Über Zukunftsforschung und Wahrsagerei und die Begleitung ins Ungewisse

9. Über Katalysatoren, Aggregatoren und Offenheit

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